Konzept der Ü-Klasse an der GS Jesteburg

Pädagogische Gründe für jahrgangsübergreifenden Unterricht

Heterogenität der Schulanfänger
Im ersten Schuljahr sitzt der Schulanfänger, der schon bei Einschulung fließend lesen kann, neben einem anderen, der mehr als zwei Jahre benötigen wird, bis er leidlich Texte entziffern kann. Die Heterogenität von Schulanfängern ist größer denn je, und sie wächst weiter. Die  Kompetenzunterschiede von Schulanfängern entsprechen Untersuchungen zufolge dem Pensum von bis zu drei Jahren. Nach der Einschulung wird die Schere noch größer.

Jahrgangsklassen
Die Organisation von Schule in Jahrgangsklassen geht dagegen von der Annahme aus, dass die schulische Entwicklung von Kindern im Großen und Ganzen mit ihrem Lebensalter parallel verlaufe. So werden (scheinbar) homogene Klassen gebildet; der Unterricht orientiert sich dabei häufig am mittleren Niveau der Lerngruppe. Viele Kinder sind über- oder unterfordert. Wenn die Diskrepanz an den Rändern zu groß wird, wird die Lerngruppe oder die Schulform gewechselt: Wiederholen, Springen, Schulwechsel sind die verwendeten Instrumente.

Ursprünge altersgemischten Lernens
Altersgemischtes Lernen ist keine neue Idee: Bereits Peter Petersen und Maria Montessori waren vom Nutzen dieser Organisationsform überzeugt und haben entsprechende Konzepte entwickelt, die heute an vielen privaten, aber zunehmend auch an öffentlichen Schulen praktiziert werden.
[zur Zeit über 30 „Jena-Plan-Schulen“ in Deutschland http://www.jenaplan.eu/schulen/in-deutschland/index.html ,
sowie über 400 Montessori-Schulen http://www.montessori-deutschland.de/einrichtungen.html ]

Die Vorteile des jahrgangsübergreifenden Unterrichts
•    In der Lerngruppe eingeübte Regeln, Rituale und Arbeitsweisen übertragen sich auf neu aufgenommene Schüler. Schulanfänger lernen von Anfang an in einer erfahrenen Gruppe die Regeln des Zusammenlebens. Es entfällt die sonst notwendige lange Eingewöhnungszeit am Anfang der Schulzeit.

•    In altersgemischten Klassen lernen Kinder unterschiedlichen Alters mit – und voneinander. Jedes Kind erlebt sich im Laufe der Jahre mal als jüngeres Kind, das von anderen betreut wird, und mal als älteres Kind, das Jüngeren Unterstützung gibt. Auch leistungsschwächere Kinder erhalten die Möglichkeit als „Große“ den „Kleinen“ helfen zu können. Die Kleinen lernen von den Großen, die Großen durchdringen und vertiefen einen Lerngegenstand in der Situation des Erklärens.

•    Es gibt keine Rollenfixierungen. Jedes Kind hat die Möglichkeit, aus einer bestimmten Rolle innerhalb der Lerngruppe – z.B. die des „Klassenclowns“ – auch wieder herauszukommen.

•    Das Konkurrenzdenken Gleichaltriger innerhalb der Jahrgangsklasse wird ersetzt durch das soziale Miteinander von älteren und jüngeren Schülern. Das Lernklima gestaltet sich entspannter. Leistungsunterschiede sind kein Makel, sondern selbstverständliche und wertvolle Bedingung des Lerngeschehens.

•    Die Schüler können in den verschiedenen Fächern entsprechend ihren Fähigkeiten auf unterschiedlichen Niveaus lernen und arbeiten.

•    Es gibt kein „Sitzenbleiben“ oder „Springen“ mit dem problematischen Wechsel von Bezugsgruppe und Lehrkräften. Langsamer lernende Schüler können ein weiteres Jahr in der Lerngruppe verbleiben, schneller Lernende die Schulzeit verkürzen, ohne dass dabei die Bezugsgruppe und Lehrkräfte gewechselt werden müssen.

•    Im jahrgangsübergreifenden Lernen ist es leicht möglich, auch nur in einzelnen Fächern den Stoff eines darüber- oder darunterliegenden Jahrgangs zu bearbeiten.

•    Ein traditioneller Frontalunterricht ist nicht mehr möglich und auch nicht gewollt. Frontale Unterrichtssituationen, z.B. in Einführungsphasen, finden statt, werden dann aber meistens in einer kleineren Lerngruppe eher zu einem gelenkten Unterrichtsgespräch. Die Lehrkraft wird Begleiter der pädagogischen Arbeit, die weitgehend in Form von Planarbeit, Projektunterricht, Kleingruppen- und Partnerarbeit oder individuell verläuft.

•    Diese Unterrichtsformen führen zu größerer Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler beim Lernen.

Mehr als zwei Jahrgänge zusammenfassen
Wenn lediglich zwei Jahrgänge altersgemischt in einer Lerngruppe zusammengefasst sind, können sich diese Vorteile nur begrenzt entwickeln, da in jedem Jahr etwa die Hälfte der Kinder „ausgetauscht“ wird. Die Kontinuitäten von sozialen Gruppe, Lehrkräften, Arbeitsweisen und Regeln werden gestört.
Dagegen werden die Vorzüge des altersgemischten Lernens dann besonders wirksam, wenn mehr als zwei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. In diesen Lerngruppen bildet sich über mehrere Jahre hinweg eine nachhaltig geprägte stabile Sozial- und Lernkultur. Zum Schuljahresende verlassen nur wenige Kinder die Gruppe. Die relativ kleine Gruppe der „Neuen“ kann leicht integriert werden. Die Kinder müssen sich nicht so oft an neue Lehrkräfte und MitschülerInnen gewöhnen.

Ein Einblick in die täglichen Arbeitsformen und Abläufe der Ü-Klassen der GS Jesteburg
In der Grundschule Jesteburg gibt es inzwischen vier jahrgangsgemischte Klassen 1-4. Die durchschnittliche Anzahl der SchülerInnen ist gleich der Anzahl in den Regelklassen. Auch die Ü-Klassen werden wie alle Klassen der GS Jesteburg von einem Klassenteam geleitet, d.h. zwei Lehrkräfte sind für die Führung und Organisation der Klassenbelange zuständig und teilen sich die Hauptfächer und einige Nebenfächer auf. Natürlich wird der Fachunterricht auch in den Ü-Klassen je nach Stundenplan, soweit es möglich ist, von weiteren Fachlehrern unterrichtet.
Die Unterrichtsmaterialien sind zum großen Teil jene, die man aus ursprünglich altersgemischten Lernformen kennt (siehe Jena-Plan Schulen/ Montessori-Schulen). Das Lehrwerk in Mathematik ist speziell auf jahrgangsübergreifende Klassen abgestimmt und von Lehrern dieser Arbeitsformen entwickelt. Im Deutschunterricht wird wie in den Regelklassen mit der Rechtschreibwerkstatt gearbeitet, und die weiteren Unterrichtseinheiten werden, wie auch in allen anderen Fächern, von den Lehrern auf die einzelnen Jahrgänge abgestimmt, individualisiert und angepasst.
Teilweise wird der Fachunterricht in enger gefasste Altersgruppen aufgeteilt, sodass z.B. die 1/2ties getrennt von den 3/4ties unterrichtet werden. Auch eine individuelle Lernzeit (im Stundenplan als ILZ beschrieben) für nur eine Jahrgangsgruppe ist inzwischen fest im Konzept unserer Ü-Klassen implementiert. Diese Stunden dienen der gesonderten Vertiefung der jahrgangshomogenen Unterrichtsinhalte.